WhatsApp, Telegram & Co.– nützlich für die politische Kommunikation?

Messenger sind die mit Abstand populärsten Social-Media-Dienste. Da die Inhalte – mit Ausnahme der Telegram-Kanäle – nur für Mitglieder sichtbar sind, wird ihre Wirkung für die politische Kommunikation unterschätzt. Mit dem Begriff Dark Social hat sich ein negativer Begriff für Messenger und interne Social-Media-Gruppen durchgesetzt. Dabei bietet die weite Verbreitung in nahezu allen Altersgruppen und die sehr persönliche Verknüpfung viele Chancen für politische Kommunikation.

Wer mehr erfahren möchte, sollte die aktuelle Publikation der Friedrich-Naumann-Stiftung von Ann Cathrin RiedelBehind closed curtains“ lesen. Noch mehr Input gibt es von Martin Fuchs. Er hat mich bei dieser Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung zu dem Text inspiriert. Einige der Beispiele sind von ihm.

Aktuelle Nutzerzahlen

Nutzen wirklich 58 Millionen Menschen täglich WhatsApp, wie es Vertreter von Facebook angeblich bei einer Veranstaltung im letzten Herbst behauptet haben? Die Zahlen für den Facebook Messenger mit 18,1 Millionen Nutzern und Telegram mit knapp 8 Millionen Nutzern sind ähnlich eindrucksvoll. Hinzu kommt das jede App – von LinkedIn bis Instagram – ebenfalls über eine Messenger-Funktion verfügt.

Entscheidend sind aber nicht die großen Zahlen. Mit Ausnahme von Telegram dominieren bei Messenger-Diensten kleinere, soziale oder themenbezogene Gruppen. Diese gilt es passgenau zu adressieren. Wie die Vernetzung von Gruppen und Kanälen auf Telegram funktioniert, hat die Süddeutsche Zeitung am Beispiel von Corona-Kritikern und Verschwörungstheoretikern recherchiert.  

Texting, Memes, usw. – Kommunikation in Gruppen-Chats

Von Kitaeltern bis zum Ortsverein einer Partei, aus der Zusammensetzung der Gruppen lässt sich die Kommunikation herleiten. Lange Texte sind ein No-Go. Es wird kurz und auf den Punkt formuliert. Emojis und Gifs fließen in die Unterhaltung ein. Postings sind oft Fotos, Videos oder Memes. Sprachnachrichten haben den Nachteil, dass der Inhalt nicht vorab ersichtlich ist.

Gruppen = Communities?

Jede Messenger-Gruppe ist eine Community. Es gibt Admins, die neue Mitglieder hinzufügen und löschen können. Es gibt Meinungsführer und es gibt Mitglieder, die ausschließlich lesen und sich überhaupt nicht zu Wort melden.

Durch das gemeinsame Thema oder eine soziale Übereinstimmung sind die Mitglieder miteinander verknüpft. Durch den regelmäßigen Fluss an Kommunikation wird die Verbindung der Mitglieder gestärkt. Benachrichtigungen oder eine Anzeige im Icon der App reißen die Nutzer aus ihrem Alltag und bewegt sie regelmäßig dazu, der Gruppe Aufmerksamkeit zu schenken.  

Nutzung in der politischen Kommunikation / Beispiele von Martin Fuchs

Damit politische Akteure kommunizieren können, müssen sie wissen, wer ihre Zielgruppen sind. Monitoring von Messenger-Gruppen bedeutet Handarbeit. Wer in Berlin Kommunikation zu verkehrspolitischen Themen macht, muss herausfinden, welche Messenger-Gruppen sich damit beschäftigen. Oft wird es so sein, dass diese Gruppen auch physisch existieren. Das macht die Suche einfacher.

Im anstehenden Bundestagswahlkampf sind in den Wahlkreisen ansässige Messenger-Gruppen für die Kandidaten interessant. Die Kandidaten können zum Beispiel einen gemeinsamen Chat anbieten. Eine einfache Wahlkampfmaßnahme für Parteien ist es Mitglieder und Sympathisanten zu bitten, ihre Profilbilder gegen ein Kampagnenprofilbild zu tauschen.

Für Messenger gilt, was ganz grundsätzlich für Social-Media-Kommunikation gilt. Attraktiver Content, der Mehrwert bringt, bindet nicht nur Nutzer, er wird von diesen auch häufiger geteilt. Messenger bieten die Chance mit Exklusivität zu spielen. Der österreichische Präsidentschaftskandidat van der Bellen hat zum Beispiel im Rahmen der Präsidentschaftskampagne 150 kurze Videos exklusiv auf Telegram angeboten.

Negative Campaigning

Der Bolsonaro-Wahlkampf in Brasilien hat gezeigt, dass Messenger ein mächtiges Negative-Campaigning-Tool im Wahlkampf sein können. Sehr häufig sind dabei Falschmeldungen zum Einsatz gekommen, oft in Form von bearbeiteten Fotos und Videos. Im letzten Bundestagswahlkampf war bereits auf vielen Plattformen Content zu sehen, in dem falsche Informationen zu Angela Merkel verbreitet worden sind. Auf dem Höhepunkt der Euphorie um den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz hat dessen Community viele Memes (Schulz-Zug) produziert und verbreitet.

Überspitzte Memes und Inhalte werden in vielen Messenger-Gruppen gerne geteilt. Es wäre verwunderlich, wenn die Parteien sich das nicht im anstehenden Bundestagswahlkampf zunutze machen. Vielleicht sind die Messenger der Treiber dafür, dass negative campaigning auch in deutschen Wahlkämpfen seinen Durchbruch erlebt?

Telegram Bots und die SPD

Wer auf Telegram nach politischen Inhalten sucht, bekommt einige Medien wie die WirtschaftsWoche oder die Tagesschau angeboten. Besonders groß ist jedoch das Angebot von extremistischen Parteien wie der NPD. Kanäle von der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke oder der Berliner CDU haben nicht mehr als 200 Abonnenten.

Interessanter ist das Angebot der SPD. Sie haben für Telegram ein Bot programmiert, der ein breites Spektrum an Interaktionen ermöglicht. Diese Möglichkeiten werden anscheinend tausendfach genutzt. Mehr dazu erfahrt Ihr in diesem Podcast mit Carline Mohr (Leiterin Digitale Kommunikation der SPD).  

Falschinformationen

Um zu vermeiden, dass Nutzer ungewollt Falschinformationen verbreiten, plant Facebook für WhatsApp ein Fact-Checking-Angebot. Mit einem einfachen Button besteht dann die Möglichkeit, eine erhaltende Nachricht als Suchanfrage hochzuladen, um den Wahrheitsgehalt zu prüfen. Das erfolgt anonym. Damit können Nutzer vermeiden, dass sie Falschinformationen teilen.

Matthias Bannas