Merchants of truth – ein paar Ideen für den Medienmarkt

Die ehemalige Chefredakteurin der New York Times, Jill Abramson, hat mit „Merchants of truth“ ein lesenswertes und umstrittenes Medien-Buch geschrieben. Um die zahlreichen Debatten auf Medienkongressen zur Zukunft des Journalismus zu bereichern, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Die New York Times, die Washington Post, Vice und BuzzFeed machen deutlich, wohin die Reise gehen könnte.

Die Macht der Daten, Zielgruppen als Multiplikatoren und der Rückgang der Einnahmen durch die Print-Ausgaben verändern die Spielregeln auf dem Medienmarkt. Neue Medien zeigen den alteingesessenen Medienhäusern, wo Einnahmequellen sind und wie die Reichweiten von digitalen Angeboten gesteigert werden können.

Viralität und die Abhängigkeit von Facebook

Jonah Perreti, der Gründer von BuzzFeed, setzte von vornherein auf Viralität als grundlegendes Prinzip für sein neue Medienprojekt. Die Kategorien der Website (LOL, OMG, WTF, Fail) bildeten Emotionen ab, die Nutzer zum Teilen von Content animieren. An diesem Prinzip hat sich bis heute nichts geändert.

Technisch betrachtet beruht Viralität auf den Algorithmen von Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen. Diese werden regelmäßig geändert. Das kann seine Ursachen im Geschäftsmodell der Betreiber haben. Es kann aber auch politisch bedingt sein. Die Betreiber geraten immer stärker unter Druck, effektive Maßnahmen gegen Falschmeldungen und Hate-Speech zu ergreifen. Das wird nicht ohne Auswirkungen für die Sichtbarkeit und Viralität von emotionalisiertem Content bleiben.

Gender, Rasse, LGBTQ … Communities und Reichweite

Die Leser, die Nutzer, die Zielgruppen … für diese erstellen Medien ihre Inhalte. Wenn Emotionen eine zentrale Rolle spielen, damit Inhalte geteilt und weiterempfohlen werden, schlägt sich das in der Themenauswahl nieder. Darum kann es eine erfolgreiche Strategie sein, interessengeleitete Communities mit zugespitzten und emotionalisierten Inhalten zu bedienen. Das gilt zum Beispiel für identitätspolitische Themen.

„Der Begriff Identitätspolitik (englisch identity politics) ist eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei dem Bedürfnisse einer jeweils spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der jeweiligen Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses.“ Wikipedia

Wenn aber bestimmte Themen und Zielgruppen für Medien besonders interessant sind, steigt dann bei diesen Themen der politische Druck die damit korrespondierenden Anliegen umzusetzen?

It’s the data, stupid!

Heute setzen alle Online-Medien auf die intensive Auswertung von Nutzer-Daten. Es gibt ein breites Angebot an geeigneten Tools. Um aber einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu haben, ist es wichtig nicht nur Tools zu nutzen, sondern diese auch im eigenen Haus zu entwickeln. BuzzFeed hat das von Anfang an gemacht. Jeff Bezos hat mit der Übernahme der Washington Post ermöglicht, dass massiv in die Entwicklung von Medien-Tools investiert werden konnte.

So reizvoll wie die Verbesserung von Content durch die Nutzung von Daten auch ist, bin ich gespannt, wo die Grenzen sind. Interessante Künstler neigen dazu, extreme Dinge einfach zu machen. Journalismus ist keine Kunst. Aber vielleicht ist ein von Algorithmen getriebener Journalismus am Ende doch nur noch langweilig?       

Content Marketing und Glaubwürdigkeit

Nahezu alle Medien machen auch Content-Marketing. Das ist Notwehr, schließlich verlieren Anzeigen und andere Ertragsquellen an Bedeutung. Der Clou dabei ist, dass dieser Content von medieneigenen Agenturen produziert wird, damit er sich möglichst gut in die jeweiligen Medien einfügt. Aber geht dadurch journalistische Glaubwürdigkeit beziehungsweise Street-Credibility verloren?

Journalismus hat nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland ein Finanzierungsproblem. Jeff Bezos hat die Washington Post gekauft. Die Berliner Zeitung ist von einem Unternehmerpaar übernommen worden. Dadurch entstehen mögliche Interessenkonflikte. Abramson hat die Berichterstattung der Washington Post zu Amazon untersucht und kommt zu dem Schluss, dass diese kritisch ausfällt. Nichtsdestotrotz werden Bezos und Amazon regelmäßig von Donald Trump angegriffen. Das ist nachvollziehbar, weil die Zeitung im linksliberalen Lager verortet ist. Dennoch hat sie jüngst sehr kritisch über die Black-Live-Matters Proteste berichtet und damit indirekt die Position von Trump gestärkt.

Fazit

Ich habe das Buch gekauft, weil mich der Titel an einen meiner Lieblingsfilme erinnert. Die „Merchants of death“ haben in dem Film „Thank you for smoking“ ihren Auftritt. Der Film erzählt sehr kurzweilig, wie Lobbyismus funktionieren könnte. 

Matthias Bannas