Neujahresempfang des EFF – European Finance Forum mit Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt KfW bei CMS Hasche Siegle
Donnerstag, 29. Januar 2026
Zwischen geopolitischen Spannungen, wachsender Konkurrenz und innenpolitischen Herausforderungen blickte Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der staatlichen Förderbank KfW, mit einer Mischung aus Vorsicht und nüchterner Analyse auf die Lage der deutschen Wirtschaft. Seine Äußerungen und Analysen zeichnen das Bild einer Volkswirtschaft, die zwar strukturelle Stärken besitzt, aber zunehmend unter dem Druck externer und interner Belastungsfaktoren steht.
Schumacher hebt immer wieder hervor, dass die Tradition deutscher Exportstärke und die konjunkturelle Stabilität der Vergangenheit heute von neuen globalen Dynamiken herausgefordert werden. So sei die Fehlerquote bei konjunkturellen Prognosen deutlich gestiegen, weil Angebotsschocks – etwa Lieferkettenunterbrechungen oder Handelskonflikte – eine bisher unbekannte Rolle spielen. Diese unvorhersehbaren Schocks machten verlässliche Vorhersagen schwieriger, was Investitions- und Politikplanung belastet.
Ein zentraler Punkt in Schumachers Bewertung ist die wachsende Bedeutung Chinas. Nach seinen Worten stellt der Aufstieg Chinas – insbesondere im Bereich technologischer Entwicklungen und Exportwettbewerb – einen deutlich gravierenderen strukturellen Druck für Deutschland dar als alleinige Risiken aus den USA. Während deutsche Unternehmen im globalen Vergleich an Marktanteilen in europäischen Exportmärkten verlieren, gewinnen chinesische Firmen zunehmend an Boden.
Diese geopolitischen Risiken werden durch USA-Politik und protektionistische Tendenzen verstärkt. Schumacher warnt, dass steigende US-Z?lle deutsche Exporte belasten und langfristig das Wachstumspotenzial dämpfen, da Unternehmen bei gesteigerter Unsicherheit Investitionsentscheidungen hinausschieben.
Kurzfristig hält Schumacher zwar an einer moderaten konjunkturellen Erholung fest – KfW Research rechnet für 2026 mit einem Wachstum von etwa 1,5 Prozent – doch dieser Aufschwung sei „nicht besonders stark“. Er hängt maßgeblich von den staatlichen Investitionsprogrammen der Bundesregierung ab, deren Wirkung erst allmählich greifen soll.
Über die globalen Risiken hinaus kritisiert Schumacher auch strukturelle Defizite der deutschen Wirtschaftspolitik. Deutschland falle im internationalen Vergleich bei Forschung- und Entwicklungsinvestitionen zurück, während Länder wie China, Südkorea oder die USA ihre Ausgaben deutlich erhöhten. Dies sei ein langfristiger Wachstumsnachteil, der politische Antworten erfordere.
Zudem sieht Schumacher in der industriellen Wettbewerbsfähigkeit Herausforderungen, die enger mit der innenpolitischen Gestaltung verknüpft sind. Er fordert unter anderem, bürokratische Hürden zu reduzieren, Energiekosten zu senken und wirtschaftspolitische Instrumente wie Zölle und gezielte Förderung zu nutzen, um die deutsche Industrie zu entlasten und weniger abhängig von externen Rahmenbedingungen zu machen. Als echten konjunkturellen Gamechanger sieht er die sogenannte Baufiktion, weil sie als Beschleuniger mit Multiplikatoreffekt Investitionen früher auslöst, Planungssicherheit schafft und so Wertschöpfung, Beschäftigung und Nachfrage gleichzeitig in Gang setzt.
Insgesamt zeichnet Schumacher das Bild einer Volkswirtschaft, die trotz fundamentaler Stärken aufgrund politischer Fehler früherer Regierungen vor einem anspruchsvollen Balanceakt steht: Zwischen globalem Wettbewerbsdruck, geopolitischen Risiken und der Notwendigkeit einer stärkeren wirtschaftspolitischen und strukturellen Ausstattung im Inland. (hm)