„Stabilität ist kein Dauerzustand“ – Stephan-Andreas Casdorff plädiert für ein entschlosseneres Polithandeln
Dienstag, 10. Februar 2026
Der Wirtschaftspolitische Club Deutschland (WPCD) hatte Mitglieder und Gäste am 10.02. zum Neujahrsempfang in den Deutsche Bank Q-Club eingeladen. Als Gastredner fungiert zu diesem Anlass traditionell ein Medienvertreter. In diesem Jahr blickte Stephan-Andreas Casdorff, Editor-at-Large und bis 2024 Herausgeber beim Verlag Der Tagesspiegel unter dem Titel „Deutschland 2026: Nur Mut – es hilft ja nichts. Geopolitik und Wirtschaft als Herausforderung“ in einem leidenschaftlichen Auftritt gewohnt pointiert auf den Status quo – und forderte dabei eine energische Zukunftsagenda.
„Stabilität ist kein Dauerzustand“, eröffnete Casdorff seinen Impuls und stellte damit gleich eine provokante These in den Raum: Wer Politik und Ökonomie ausschließlich am Erhalt des Bestehenden ausrichtet, versäume den grundlegenden Wandel, der vor uns liegt. Mit Blick auf die multiplen Herausforderungen betonte er die Notwendigkeit einer aktiven Zukunftsgestaltung: „Trauen wir uns zu, die Zukunft aktiv zu organisieren?“
Für Casdorff ist klar: Deutschland braucht mehr als eine defensive Politik der Schadensbegrenzung. In einer Zeit, in der geopolitische Unsicherheiten, Klimakrise und technologische Disruption zusammentreffen, müsse die Bundesrepublik Deutschland endlich wieder groß denken. „Wir brauchen eine souveräne, soziale, klimaneutrale Industrienation Deutschland. Und ja, sie ist möglich – aber nur, wenn die Regierenden entschlossener handeln.“
Zentrale Stichworte seiner Ausführungen waren strategische Souveränität und Modernisierung. Casdorff rückte dabei den Klimaschutz als Modernisierungsprojekt in den Vordergrund – nicht als lästige Regulierungsmaßnahme, sondern als Motor für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze: „Klimaschutz ist Standortpolitik.“
Mit Blick auf staatliche Verantwortung kritisierte er wiederholt das derzeitige politische Klima: „Der Staat muss Zukunft ermöglichen und nicht nur Schäden begrenzen.“ Er stellte die Frage, was es kostet, nicht in Forschung, Bildung und Digitalisierung zu investieren. Seine Antwort: Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und letztlich Wohlstand. „Weniger Bürokratie, mehr Tempo“, forderte Casdorff und mahnte einen entsprechenden Mentalitätswechsel an.
Er kritisierte eine zu häufige „Gießkannenentlastung“ statt auf gezielte, wirkungsorientierte Förderun zu setzen. Die Politik müsse klare Leitplanken vorgeben, Skalierung ermöglichen, Bürokratieabbau als Wachstumsprogramm sehen.
Eine solch klare strategische Ausrichtung könne Zuversicht schaffen: „Zuversicht entsteht durch Richtung, einen Plan und die richtigen Prioritäten.“
Am Schluss seiner Ausführungen verband Casdorff noch einmal seine zentralen Leitmotive: Mut, klare Orientierung, ehrliche Politik und die Bereitschaft aktiv bzw. schnell zu gestalten: „Das mag für viele eine Zumutung sein, aber steckt da nicht auch das Wort Mut drin?“ (hm)
Foto: WPCD-Präsident Dr. Ansgar Tietmeyer und Editor-at-Large des Tagesspiegels Stephan-Andreas Casdorff.