28 Prozent der Franzosen sorgen sich um Steuern
Seit dem überraschenden Rücktritt des gerade in das Amt gewählten französischen Premierministers Sébastien Lecornu steckt Frankreich erneut in einer tiefen Regierungskrise. Aus Ipsos-Daten geht hervor, dass das Vertrauen in die französische Regierung seit 2022 kontinuierlich erodiert ist. Mitte September 2025 waren lediglich 9% der Franzosen der Meinung, dass sich das Land auf dem richtigen Weg befindet, während 91% vom Gegenteil überzeugt waren. 2017, im Jahr der Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten, waren noch 40% der Franzosen positiv über die Entwicklung des Landes gestimmt.
Besonders große Sorgen bereiten den Franzosen Kriminalität und Gewalt (36%), steigende Preise (30%) und die Steuerlast (28%). Die Angst vor höheren Steuern ist unter den Franzosen mehr als doppelt so hoch wie unter den Deutschen. Hier sind es nur 13 Prozent. Der französische Staat ist hoch verschuldet; mit über 3 Billionen Euro hat Frankreich die höchsten Schulden in der EU. Das Land benötigt dringend Reformen der Sozialsysteme und insbesondere der Altersvorsorge, um die zunehmende Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen. Jedoch ist es die unpopuläre Reform des Rentensystems (schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters von 62 auf 64 Jahre), die das Land in die politische Krise geführt hat. Die Forderung von Gewerkschaften und Linken, die Reform zurückzurollen, steht demografischen Entwicklungen und Haushaltslöchern entgegen. Der französische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Zucman schlägt vor, dies durch eine Besteuerung von Vermögen über 100 Millionen Euro zu finanzieren, wobei Vermögende mindestens 2% Steuern auf ihre Anlagen entrichten sollen. Ob das ausreicht, ist fraglich.
Allgemein betrachtet haben die Franzosen mit 55,4 Prozent schon jetzt einen der höchsten Spitzeneinkommensteuersätze in Europa (nur in Dänemark und Österreich zahlt man mehr). Die Diskussionen erinnern stark an die Situation in Deutschland, wo ebenfalls über Sozial- und Rentenreformen gestritten wird. Kürzungen oder Steuererhöhungen und Reichensteuer werden auch hierzulande als Lösungen in Betracht gezogen. Frankreich ist uns in der Debatte um einige Premierminister voraus. Ich hoffe wir Deutschen haben nicht die Ambition, die Franzosen bei diesem Rennen einzuholen.
Quelle: Ipsos.com
Robert Grimm ist promovierter Soziologe und leitet die Politik- und Sozialforschung beim Markt-, Meinungs- und Sozialforschungsinstitut Ipsos in Deutschland.