Für 39 Prozent der Italiener ist Arbeitslosigkeit die größte Sorge
Deutschland und Italien verbindet viel. Und doch haben die Bürgerinnen und Bürger beider Länder unterschiedliche Anliegen und politische Kulturen. In Deutschland regiert seit 2021 ein links-liberales Bündnis unter Olaf Scholz. Italien hat mit dem Wahlsieg von Giorgia Meloni im September 2022 erstmals in seiner Geschichte eine Ministerpräsidentin. Im Gegensatz zu Scholz führt sie allerdings ein ultrarechtes Bündnis an. Ein wesentlicher Unterschied beider Länder liegt in der Angst vor Arbeitslosigkeit. 39 Prozent der Italiener betrachten Arbeitslosigkeit als eine der drei größten Sorgen, in Deutschland sind es lediglich 8 Prozent. Vergleicht man die Arbeitslosenraten beider Länder, ist das Meinungsbild wenig verwunderlich: Italien hat laut Eurostat mit 8 Prozent (Februar 2023) die dritthöchste Arbeitslosenquote in Europa. Nur Spanien (12%) und Griechenland (11%) weisen eine höhere Rate auf als Italien. Deutschland hingegen verzeichnete mit 2,9 Prozent die drittniedrigste Arbeitslosenrate der EU. Wir reden häufiger über Arbeitskräftemangel als von Arbeitslosigkeit. Vor diesem Hintergrund sind die Sorgen der Italiener verständlich. Das Thema Steuern ist komplexer. 28 Prozent der Italiener, aber nur 11 Prozent der Deutschen, sehen Steuern als eine der drei größten Sorgen in ihrem Land an. Italien weist die größte nominale Mehrwertsteuerlücke in der EU auf. Laut EU VAT GAP Factsheet 2022 gingen der Europäischen Union im Jahr 2020 93 Milliarden Euro Steuern verloren, 26 Milliarden davon allein in Italien. Nach Angaben des italienischen Ministeriums für Wirtschaft und Finanzen belief sich der Gesamtbetrag der Steuer- und Abgabenlücke 2018 auf 103 Milliarden Euro. Andere Beobachter setzen die Zahl noch viel höher an: Ein Bericht für das Europäische Parlament beziffert die Summe sogar auf 190 Milliarden Euro im Jahr 2019. Steuerhinterziehung ist in Italien ein lange bekanntes, aber gesellschaftlich toleriertes Problem. Giorgia Melonis Regierung verabschiedete im März 2023 eine große Steuerreform. Für Steuersünder soll es von nun an mildere Strafen bei einer Selbstanzeige geben. Vielleicht wird sich in der Folge auch die Angst der Italiener vor den Steuern legen. Überraschend sind die Unterschiede in der Bewertung von Einwanderung: Für 26 Prozent der Deutschen ist Migration eine der drei größten Sorgen, unter den Italienern sind es nur 13 Prozent. Es ist jedoch zu befürchten, dass sich das Stimmungsbild der Italiener in den kommenden Monaten ändern wird. Die Anzahl der Flüchtlinge, die Europa über das Mittelmeer erreichen, steigt stetig. So landeten allein über die Osterfeiertage 40 Boote mit 2000 Flüchtlingen an der italienischen Küste. Die Regierung in Rom beschloss daraufhin den Ausnahmezustand. Auch die deutschen Kommunen können den Flüchtlingsstrom kaum noch bewältigen und fordern seit geraumer Zeit mehr Unterstützung von der Bundesregierung. Ob nun das linksliberale oder das ultrarechte Bündnis bessere Antworten auf die Sorgen der Menschen findet (und das von den Wählern an den Urnen auch so bewertet wird), wird sich zeigen. Ich habe in diesem Fall eine klare Präferenz. Spannend bleiben die großen europäischen Differenzen. (RG) Die Daten findet Ihr auf der Website von Ipsos.