Für die Hälfte der Schweden gehören Gewalt und Kriminalität zu den größten Sorgen
In der letzten Ausgabe des Ipsos Sorgenbarometers bin ich über die Ängste vor Kriminalität und Gewalt gestolpert. Die Länder mit der größten Angst vor Kriminalität und Gewalt sind Chile (67% der Bevölkerung), Mexiko (57%), Südafrika (58%), Peru (51%), Argentinien (48%), Brasilien (38%), Kolumbien (37%) und Israel (42%). Die Werte liegen jeweils weit über dem globalen Durchschnitt von 29 Prozent. Die Statistiken sind durchaus nachvollziehbar: Südamerikanische Länder gehören laut dem Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung zu den Ländern mit den höchsten Mordraten der Welt. Die Homizidrate Brasiliens lag 2017 bei 30,5 pro 100.000 Einwohner. Südafrika war im selben Jahr mit einer Mordrate von 33,5 nach Lesotho (43,6) trauriger Spitzenreiter auf dem afrikanischen Kontinent. Die Sorge der israelischen Bürger vor Gewalt und Kriminalität erklärt sich aus den anhaltenden Konflikten in der Region. In Schweden hingegen beträgt die Mordrate „nur“ bei 1,2 pro 100.000 Einwohner. Trotzdem zählen 49 Prozent der Schweden Kriminalität und Gewalt zu den drei größten Sorgen des Landes. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 21 Prozent. Tatsächlich kämpft Schweden seit Jahren mit steigender Bandenkriminalität. So berichtete n-tv im Januar, dass im Jahr 2022 insgesamt 388 Schießereien in Schweden registriert wurden. Laut einem Bericht des schwedischen Nationalen Rates für Kriminalprävention aus dem Jahr 2021 gab es unter 22 europäischen Ländern mit vergleichbaren Statistiken nur in Kroatien mehr Todesfälle durch Schusswaffen als in Schweden. Auch das innenpolitische Klima trägt zur überdurchschnittlichen Sensibilisierung der Schweden für das Thema bei. Kriminalität war ein wichtiger Diskussionspunkt im Vorfeld der Parlamentswahlen im September 2022, bei denen die rechtspopulistischen Schwedendemokraten 20 Prozent der Stimmen gewannen und zweitstärkste Kraft wurden. Vielleicht sind die Schwedenkrimis zu gruselig und transportieren die Angst vor Gewaltdelikten in die bürgerlichen Schlafzimmer. Oder die Schweden gehen mit der hohen Inflation (8,8% erwartet für 2023) und der miesen Wirtschaftslage (prognostiziertes Wirtschaftswachstum von -1% für 2023) entspannter um als etwa die Deutschen. Sorgen sind immer relativ. Was auch immer der Grund sein mag – die Zahlen sind zwar überraschend, sollten aber kein dafür Anlass sein, den Sommerurlaub in Schweden abzusagen. (RG) Die Daten finden sie hier: What Worries the World – April 2023 | psos