Vom Ende des Klimasorgenweltmeisters
Im November 2021 war die Sorge um das Klima in keinem Land größer als in Deutschland. 32 % der Deutschen sahen laut Ipsos Umfragen im Klimawandel eine der drei größten Sorgen. Wir waren damit Klimasorgenweltmeister. Größer war nur die Angst vor Armut und sozialer Ungleichheit.
Erinnern wir uns, die Lage war 2021 grundsätzlich anders als heute. Joe Biden löste im Januar 2021 die erste Amtszeit Donald Trumps ab. Die Wahl Bidens erschien wie eine Befreiung von der chaotischen und despotischen Politik Trumps, die in der Attacke auf das Capitol im Januar 2021 mündete. Wer hätte 2021 an eine zweite Amtszeit Donald Trumps gedacht? Im Herbst 2021 war der Höhepunkt der Pandemie überstanden. Deutschland überstand die Krise, ähnlich wie nach der Finanz- und Währungskrise, verhältnismäßig besser als viele europäische Nachbarn.
Das Jahr 2021 markierte auch das Ende einer langen Periode wirtschaftlichen Wachstums und politischer Stabilität. Die Bundestagswahl 2021 glich beinahe einer Rebellion mitgetragen von dem Teenager-Geist derjenigen, die in die Merkel-Politik hineingeboren wurden und am Ende ihrer Amtszeit mündig waren. Am 24. November 2021 einigten sich die Ampelparteien um Scholz, Lindner, Baerbock und Habeck auf den Koalitionsvertrag „Mehr Fortschritt wagen“. Mit ihm wurde ein postmaterialistischer progressive Spirit in die Korridore der Macht gespült.
Von Schulbüchern, Kinderfernsehen, Sprachgebrauch, Wirtschaftspolitik und wertegeleiteter (feministischer) Außenpolitik bis hin zur permanenten Verpflichtung, sich im privaten und beruflichen Kontext zur Vielfalt und Toleranz (welcher auch immer) lautstark zu bekennen, der Umbau war Programm. Da schwangen auch viel Übermut und Selbstbewusstsein mit: Zwar war man sich damals darüber bewusst, dass Deutschland in Digitalisierung und innovativer Forschung hinterherhinkt und dass die globale Exportwirtschaft anfällig für Unterbrechungen in Lieferketten ist. Aber Deutschland konnte sich weiterhin auf seine Leuchttürme der Industrieproduktion berufen, die ihre Wurzeln im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten. Made in Germany war eine respektierte Marke. Das verlieh den Argumenten Gewicht und Überzeugungskraft.
Fast forward in das Jahr 2025: wir stehen vor einem eingestürzten Kartenhaus. Die Klimasorgen der Deutschen fallen im November 2025 bescheiden aus. Nur 17 Prozent sehen im Klimawandel eine der drei größten Herausforderungen das liegt etwas über dem internationalen Durchschnitt. Dies bedeutet nicht, dass Klimasorgen verschwunden sind; sie wurden von existenziellen Sorgen überlagert. Die Sorge vor Armut und sozialer Ungleichheit (32%) bleibt eine der größten gefolgt von Inflationsängsten (30%) und Gewalt und Kriminalität (28%). Die Sorge um Arbeitslosigkeit (14%) ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, und auch die medizinische Versorgung (20%) wird von den Bürgerinnen und Bürgern heute eher priorisiert als die Angst um das Klima. Am größten ist jedoch weiterhin die Angst der Bevölkerung for unkontrollierter Einwanderung (37%).
Quelle: www.Ipsos.com
Robert Grimm ist promovierter Soziologe und leitet die Politik- und Sozialforschung beim Markt-, Meinungs- und Sozialforschungsinstitut Ipsos in Deutschland.