Vorsicht, Wahrnehmungsfalle?
Die Bilder des spanischen Königspaares, König Felipe VI und Königin Letizia, die mit Eiern beworfen wurden, sowie die zerbrochenen Scheiben des Dienstwagens von Premierminister Pedro Sánchez gingen um die Welt. Die Spanier sind zurecht empört: Die Flutkatastrophe im Süden des Landes kostete über 200 Menschenleben, und laut der Analyse einiger Kommentatoren hätte die Katastrophe durch Vorhersagen und präventive Maßnahmen teilweise verhindert werden können. Dabei erlebt Spanien gerade eine positive Entwicklung.
Seit der Finanz- und Schuldenkrise hat sich das Land erholt. 2014 waren fast 90 Prozent der Spanier mit der Entwicklung ihres Landes unzufrieden; bis 2024 ist diese Zahl auf 68 Prozent gesunken (laut Ipsos-Daten). Auch wirtschaftlich zeigt sich eine starke Leistung: Über Wachstumsraten von mehr als 3 Prozent kann der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck nur träumen. Laut der Financial Times wird Spanien in diesem Jahr die am schnellsten wachsende Industrienation der Welt werden und dreimal so schnell wachsen wie die Eurozone insgesamt. Die Kehrseite sind die bleibenden politischen und sozialen Herausforderungen. Das Vertrauen der Spanier in ihre Politiker ist im EU-Vergleich besonders gering; nur 10 Prozent halten laut einer Ipsos-Umfrage Politiker für vertrauenswürdig (in Deutschland sind es 17 %). Das Land kämpft weiterhin mit Korruptionsskandalen, in die auch die Frau des Premierministers verwickelt ist. Korruption zählt zu den fünf größten Sorgen der Spanier (24 %, in Deutschland 10 %). Trotz der positiven wirtschaftlichen Lage bleibt die Sorge um Arbeitslosigkeit die größte Angst der Bürgerinnen und Bürger (32 %). Dieses Nebeneinander von wirtschaftlichem Erfolg und politischem Misstrauen sowie sozialen Ängsten stellt ein Paradox dar. Eigentlich sollte man erwarten, dass konjunktureller Aufschwung auch zu mehr Vertrauen in die politische Führung und zu größerer sozialer Sicherheit führt. Die Flutkatastrophe und die unzureichenden Rettungsmaßnahmen haben das Potential, das Vertrauen weiter zu untergraben. (RG) Quellen: www.Ipsos.com / Shovel-wielding mob strikes Spanish PM Sánchez on visit to flood-hit town – POLITICO / Spanish growth soars as Eurozone stumbles