Was Merz von den Briten lernen kann
Jüngste Ipsos-Umfrageergebnisse zeigen die populistische, euroskeptische Partei Reform UK mit 34 Prozent klar an der Spitze der britischen Wählergunst. Reform UK hat einen Vorsprung von 9 Punkten auf die Labour Party und 19 Punkten auf die Konservativen. Labour verzeichnet mit nur 25 Prozent der Stimmen das niedrigste Niveau seit Oktober 2019, während die Konservativen mit 15 Prozent auf ihrem niedrigsten jemals von Ipsos gemessenen Stand sind. Die Wählerbasis und die Parteiloyalität sind dabei für Reform UK besonders stark ausgeprägt, traditionelle Volksparteien bluten hingegen an die Ränder aus. In Großbritannien ist der Zerfall des Zweiparteiensystems ein anhaltender Prozess, der sich durchaus auf Deutschland übertragen lässt.Auch in Deutschland gibt es seit einiger Zeit Anzeichen für die Auflösung der Volksparteien. Die Ergebnisse von SPD, CDU/CSU bei der letzten Bundestagswahl machten das sehr deutlich. Erste Arbeitswochen der Regierung Merz hatten zwar einen anfänglich positiven Einfluss auf die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger, jedoch trübt sich, wie jüngste Umfragen zeigen, die Stimmung wieder ein. Das Bündnis aus schwacher Union und noch schwächerer SPD steht auf wackligen Beinen. Schon kommen Zweifel daran auf, dass die Koalition eine ganze Legislaturperiode durchhalten kann. Dabei ist die Regierung weniger als 100 Tage im Amt.Bei aller Freude über das historische Verteidigungsabkommen zwischen Deutschland und Großbritannien muss dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz der Besuch auf der Insel auch einige Sorgenfalten beschert haben. Sicherlich wird er sich gefragt haben, ob das nächste deutsch-britische Abkommen wohl von Alice Weidel und Nigel Farage unterzeichnet werden wird.
Robert Grimm ist promovierter Soziologe und leitet die Politik- und Sozialforschung beim Markt-, Meinungs- und Sozialforschungsinstitut Ipsos in Deutschland.